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Gletscherfloh, Rollibock & Co.

Was wissen Sie über Gletscher


Auf unseren Gletschertrekkings sind wir in Kleingruppen unterwegs und tauchen in die jahrtausendealten Geschichten im Eis ein. Wir haben unseren Bergführer Reto auf einem Trekking begleitet.

Steigeisen knirschen, Schmelzwasser gurgelt, der Blick schweift in die Weite des Gletschers. Plötzlich setzt eine Teilnehmerin die Sonnenbrille ab, reibt sich die Augen. «Reto, kannst du uns erklären, warum der Schnee plötzlich rot ist? Waren da Sprayer am Werk?»

Bergführer Reto hält inne und versammelt die Gruppe in sicherem Abstand zur nächsten Spalte. «Da hat sich die Natur etwas Besonderes einfallen lassen,» antwortet er. «Im Frühsommer sondert die Schneealge ihre Sporen ab. Das Phänomen wird auch als Blutschnee bezeichnet.»

«Warum sind die Gletscher eigentlich nicht weiss wie auf vielen Postkarten?» hakt die Teilnehmerin nach.

«Die meisten aperen Gletscher sind eher gräulich, weil sie mit Schutt mehr oder weniger bedeckt sind. Es gibt aber ein paar wenige Gletscher der Alpen, die strahlend weiss leuchten – zum Beispiel der Grenzgletscher. Sie entstehen in grossen Höhen. Die eingeschlossenen Luftbläschen werden dort besser konserviert und weniger von Schmelzwasser durchdrungen, was die weisse Farbe ergibt. Im unteren Teil dieser Gletscher gibt es die wunderschönen tiefblauen Gletscherseen.»

«Interessant, dass es im Eis überhaupt Lebewesen gibt,» meint ein Teilnehmer.

«Ja, da staunt man,» so Reto. «Und wenn man bedenkt, dass Gletscherflöhe eine Wohlfühltemperatur um 0° Celsius haben und bei plus 12° Celsius sterben, dann sind wir Menschen richtige Gfröhrli.»

Reto benutzt jetzt die Gelegenheit, dass sich die Gruppe gemütlich für eine Pause einrichtet. «Habt ihr eigentlich gewusst, dass Bern oder Zürich, wo die einen von euch herkommen, während der letzten Eiszeit unter einem 300 Meter dicken Eispanzer lag, oder das Becken des Brienzersees bis 230 Meter unter den Meeresspiegel ausgehobelt wurde?» fährt er mit seinem Wissen fort. «Und nicht nur das – die Alpengletscher fliessen bis zu 200 Meter im Jahr und schleifen den Untergrund komplett ab.»

«Von soviel Eis können wir nur träumen, heute verschwinden die Gletscher ja reihenweise,» meint eine Teilnehmerin.

«Das ist eine bittere Tatsache,» bestätigt Reto. «Der letzte Gletscherhöchststand war in den Alpen um 1850. Viele grosse Moränen zeugen davon. Seither hat sich die vergletscherte Fläche und auch das Volumen um mehr als die Hälfte verkleinert. Der Abschmelzvorgang geht dramatisch weiter und wir können nur hoffen, dass uns wenigstens die höchstgelegenen Gletscher wenigstens bruchstückhaft erhalten bleiben.»

«Ich habe im Fernsehen gesehen, wie ein Stück der Eiger-Ostflanke wegbrach – das soll auch eine Folge des Gletschwerschwundes sein,» wirft ein Teilnehmer ein.

«Das ist so, und nicht nur dort», fährt Reto fort. «Wusstet ihr, dass im unteren Teil des Aletschgletschers auf der Höhe der Bettmeralp ein Seitenhang am Rutschen ist, der 50 Mal mehr Masse als der Felssturz von Bondo hat? Weil der Gletscher seit 1880 rund 300 Meter weniger dick ist, fehlt der Gegendruck und der Hang rutscht ab. Die grösste sichtbare Spalte hat eine Länge von 300 Metern. Ein Weg musste aus Sicherheitsgründen bereits gesperrt werden.»

Jetzt wird es Zeit, weiterzugehen. «Macht euch bereit und haltet die Augen weiterhin offen,» ruft Reto, «vielleicht seht ihr ja den Rollibock.»
«Den was?» tönt es aus der Gruppe.
«Das erzähle ich euch dann in der Hütte», antwortet er mit einem Schmunzeln.

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