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bergpunkt Blog

«Es braucht wenig, um auf dem Gletscher zu staunen»

Bergführer Reto Affentranger zum neuen «Erlebnis Eiszeit»


Ab diesem Sommer bietet bergpunkt unter dem Titel «Erlebnis Eiszeit» Gletscherwanderungen auf dem Aletschgletscher, dem Rhonegletscher und dem Gornergletscher an, bei denen die BergführerInnen Infos und Hintergründe zum jeweiligen Gletscher vermitteln. Reto Affentranger, Geograf und Bergführer bei bergpunkt, hat die Infos zusammengestellt. Hier erzählt er uns, was die Gäste erwartet. Und was ihm persönlich in Sachen Gletscher am Herzen liegt.

RETO AFFENTRANGER, ERINNERST DU DICH AN DEN MOMENT, ALS DU ERSTMALS EINEN GLETSCHER GESEHEN HAST?
Ja, ich war um die sechs Jahre alt und wanderte mit meiner Familie und Freunden der Familie auf die Grosse Scheidegg oberhalb von Grindelwald. Dort sah ich den Oberen Grindelwaldgletscher, dessen weisse Zunge bis in den Wald hinab reichte. An dieses Bild erinnere ich mich bis heute sehr klar.

MITTLERWEILE REICHT DER OBERE GRINDELWALDGLETSCHER LÄNGST NICHT MEHR IN DEN WALD HINAB. DESHALB DIE ALLGEMEINE FRAGE: WAS LÖST DER GEDANKE BEI DIR AUS, DASS UNSERE GLETSCHER VERSCHWINDEN?
Dieser Gedanke löst verschiedene Emotionen aus. Persönlich versuche ich, meinen CO2-Fussabdruck auf der Erde zu reduzieren. Gleichzeitig weiss ich aber, dass ich dennoch einen Abdruck hinterlasse, und sehe darüber hinaus, wie wenig sich insgesamt weltweit zum Besseren ändert. Diese ganze Situation stimmt mich traurig.

IN ANDEREN WORTEN: DU GLAUBST NICHT AN DIE ZUKUNFT DER GLETSCHER.
Ich gehe davon aus, dass ich im hohen Alter – jetzt gehe ich gegen die fünfzig – erleben werde, dass es aufgrund des Gletscherschwundes zu drastischen Veränderungen im Alpenraum kommen wird.

ZUM BEISPIEL?
Heute sind die Südhänge im Rhonetal als semi-aride Gebiete nur grün dank den Suonen, die von Gletscherwassern gespiesen werden. Mit den Prognosen, die wir heute haben, werden die Suonen jedoch in ein bis zwei Generationen kein Gletscherwasser mehr führen. Diese Hänge werden damit extrem trocken werden und künftig eine kompltt andere, wahrscheinlich eher spärliche, Vegetation aufweisen. Dies ist nur ein Beispiel, wie sich der Alpenraum verändert wird.

WIR SOLLTEN UNS DIE GLETSCHER ALSO ANSCHAUEN, SOLANGE ES SIE NOCH GIBT.
Ja. Darauf zielt das «Erlebnis Eiszeit» von bergpunkt ab. Wir wollen uns an den Gletschern freuen, unseren Gästen die Schönheit dieser Eisströme vermitteln und davon erzählen, was sie sind, wie sie entstehen und vergehen, und warum es sie bis anhin überhaupt gibt.

DU HAST ALS GEOGRAF UND BERGFÜHRER DIE INFOS ZUSAMMENGESTELLT, WELCHE DIE BERGFÜHRER VON BERGPUNKT DEN GÄSTEN VERMITTELN WERDEN. WORAUF HAST DU DABEI WERT GELEGT?
Viele Gäste haben bereits ein recht gutes Halbwissen, teils auch Wissen, zu den Gletschern. Mir ging es deshalb in erster Linie darum, Dinge wie etwa die Entstehung einer Mittelmoräne oder die Bildung eines Gletscherrandsees auf gut verständliche Weise genauer zu erklären. Damit unsere Bergführer diese Phänomene mit den Gästen direkt im Gelände anschauen können.

GENAUES HINSCHAUEN ANSTELLE EINER AKADEMISCHEN VORLESUNG.
Genau. Wir werden unterwegs jeweils kurz anhalten und darüber sprechen, was wir gerade sehen. Eine Spaltenzone, einen Gletscherfloh oder eben eine Mittelmoräne. Oft braucht es wenig, um auf einem Gletscher zu staunen. Und abends erzählt der Bergführer jeweils eine Gutenachtgeschichte aus der Welt des Eises.

DAS KLINGT ENTSPANNT. HÖRE ICH RICHTIG, DASS SICH DIESES ANGEBOT AUCH AN WANDERER RICHTET, DIE SONST NICHT IM HOCHGEBIRGE UNTERWEGS SIND?
Ja, diese Touren eignen sich grundsätzlich für alle, die sich für Gletscher interessieren. Egal, ob sie sonst bergsteigen gehen oder eher in tieferen Gefielden unterwegs sind.

KANNST DU NOCH ETWAS MEHR AUS DEM NÄHKÄSTCHEN PLAUDERN, WAS GENAU DIE GÄSTE ERFAHREN WERDEN?
Verraten kann ich, dass unsere Gäste nach der Tour – nebst dem oben Erwähnten – wissen werden, warum und wie ein Gletscher fliesst, wie sein Eis entsteht und wie er vor mehreren Jahrzehnten aussah. Und wir werden hoffentlich Bekanntschaft mit Gletscherflöhen machen und wissen, welche Sagengestalten auf dem Gletscher unterwegs sind, während wir gemütlich in der Hütte schlafen...

GROSSER ALETSCHGLETSCHER, GORNERGLETSCHER, RHONEGLETSCHER – WARUM GENAU DIESE AUSWAHL?
Alle drei dieser Gletscher bieten grosse Themen: Der Aletschgletscher ist der längste Gletscher der Alpen; der Gornergletscher ist der zweitgrösste Gletscher der Alpen mit einer der am höchsten gelegenen Nährzonen im Alpenraum; und der Rohnegletscher bildet zusammen mit dem Triftgletscher die Wasserscheide zwischen Aare und Rhone, sprich zwischen Nordsee und Mittelmeer. Sie gehören damit thematisch zu den «Big three» in den Alpen.

ZUM SCHLUSS NOCH EINE PERSÖNLICHE FRAGE: DER SCHÖNSTE GLETSCHER DER SCHWEIZ IST FÜR DICH..?
Puh, diese Frage ist schwierig zu beantworten. Aber was mich immer wieder beeindruckt, ist der Blick auf das obere Eismeer vom Fenster der Jungfraubahn aus!


Interview: Caroline Fink