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bergpunkt Blog

Das Glück der Tüchtigen

Oder: Auf der «Berner Haute Route West» anstatt im Aostatal


Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. So auch auf der TransalpSüd von Aosta nach Chamonix. Aufgrund des Wetters wechselten wir in die Westlichen Berner Alpen. Nachdem wir dort den Sanetschpass dank «Windprogramm» erreicht und den Föhnsturm am Arpelistock überstanden haben, erhalten wir zur Belohnung Sonne, Sulz und ein Berner «Vallée Blanche».

Nachdem uns die Südstaulage mit sieben Tagen Schneefall aus dem Aostatal vertrieben hat, machen wir uns am dritten Tourentag auf zur Cabane de Prarochet am Fuss der Diablerets. Das Ziel: In den folgenden Tagen anstatt der Grajischen Alpen der TransalpSüd die Westlichen Berner Alpen zu durchqueren. Denn in diesem Gebiet, so verspricht es der Wetterbericht, sollte uns die Sonne vom Himmel entgegenstrahlen.

Was sie auch tut. Allerdings in Begleitung von ziemlich viel Föhn. Und so erwartet uns die nächste Üerraschung: Die Seilbahnen von «Glacier 3000» bleiben wegen Sturmwind geschlossen und wir stecken erneut fest. Diesmal auf dem Col du Pillon.

Doch es sollte eine Woche der Begegnungen werden und nach Mustafa und Fabrizio (siehe Eintrag «Aus dem Paradies vertrieben») rettet der Betreiber der kleinen Seilbahn von Gsteig zum Sanetschpass diesen Tag. Am Telefon macht er uns Mut: Wenn wir «em e chli gäh» und in einer Stunde bei ihm seien, würde er uns hochfahren lassen. Trotz Föhn. Denn «mit em Windprogramm» sei das gar kein Problem. «Kriminös wird's de ersch abemne Sächzger». – Die Seilbahn übersteht es. Wir auch. Und als wir drei Stunden später an ein Fenster der tief verschneiten Cabane de Prarochet klopfen, schaut uns die Hüttenwartin erstaunt an: Wie wir bei geschlossener «Glacier3000» hierher gekommen seien? Wir zucken mit den Schultern. «Mit dem Windprogramm halt!»

Am nächsten Tag schwingen wir im Kaltblau des ersten Tageslichts über die Kuppen und Mulden der weiten Fläche der Lapis de Tsanfleuron zum Sanetschpass. Überqueren diesen und steigen über die langen Katzenbuckel der Arête de l'Arpille Richtung Arpelistock auf. Bis irgendeiner im Himmel den Schalter umlegt: Nach dem zweiten Katzenbuckel fegt uns auf einen Schlag ein Sturmwind entgegen. So heftig, als wollte er uns innert Sekunden vertreiben. Wir ducken uns, ziehen die Buffs über die Wangen, stemmen uns gegen die Böen, gehen weiter, Schritt für Schritt. «Was für eine Kraft! Was für eine Wucht!», denke ich mir. Erst als wir den Aufstieg zum Arpelistock verlassen und in die weissen Wellen des Hochtals am Fuss des Gältehore abfahren, lässt uns der Föhn wieder in Ruhe.

Was danach kommt, ist das Glück der Tüchtigen: vier Tage, während denen wir zu winzigen Punkten in Weiten aus Schnee werden, über Pässe ziehen, auf Gipfel steigen, anfellen, abfellen, Gipfelküsse verteilen, an der Sonne sitzen, durch Sulz schwingen und in warmen Holzstuben die Stunden verplaudern. Gältelücke, Geltenhütte, Wildhorn, Wildhornhütte, Schnidehore, Rohrbachstein, Wildstrubelhütte, Glacier de la Plaine Morte und Wildstrubel heissen unsere Stationen. Und wenngleich wir unsere Route im Süden verlassen haben, so ist der Geist der Transalp doch da. Für vier Tage werden wir zu Nomaden auf Tourenski, schultern morgens die Rucksäcke, versinken tagsüber in der Monotonie Tausender von Schritten, als wären wir für nichts anderes gemacht als das: weiter zu ziehen, dem Osten entgegen, weiter und immer weiter.

Auch dass wir am Ende der Woche ins Simmental anstatt nach Chamonix schwingen, nehmen wir gelassen. Denn sind wir mal ehrlich: Im Grunde ist das Ammertentäli doch fast cooler als das Vallée Blanche!

Bild & Text: Caroline Fink, www.caroline-fink.ch