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TRANSALP, DA SIND WIR!

TransalpSüd 1. Etappe

Das Projekt Transalp ist gestartet. Auf der ersten Etappe zwischen Nizza und dem italienischen Valle Stura erlebte unsere Gruppe Höhen und Tiefen, Stürme und Sterne und vor allem: viel, viel Schnee.

Der Taxifahrer in Nizza schüttelt den Kopf. Immer wieder. Schweizer mit Tourenski an der Côte d’Azur – nein, so etwas sieht er nicht alle Tage. Er versteht unseren Plan nicht, ist aber einverstanden, einen Umweg zu fahren für dieses eine Foto: wir mit Ski am Meer.

Er lenkt seinen Minibus zum perfekten «Kodak Point» und so posieren wir vor der Weite des Mittelmeers. Den Geruch von Salz in der Nase, Sand unter den Füssen, während Möwen über uns schreien und die kühle Morgenbrise durch die nahen Palmen streicht.

Zwei Stunden später bläst uns der Wind Schneeflocken ins Gesicht. Wir schleifen die Tourenski durch Neuschnee, vorbei an alten Lärchen, weiter und weiter hinauf in die Gipfelwelt der Seealpen. Und trotz des harschen Wetters kribbelt es im Bauch: Wir haben das «Abenteuer Transalp» begonnen. Jenes Abenteuer also, die Alpen ihrer Länge nach auf Tourenski zu durchqueren.

Manchmal nennen die Franzosen diese Berge «Les Alpes Océanes». Als wären die Gipfel gestern dem Meer entstiegen, bergen sie die Wucht und Wildheit von Stürmen auf hoher See in sich. Vom Wind umtost, ragen sie in Türmen und Zacken mit mächtigen Flanken in den Himmel – Siebentausender im Kleinformat.

Auch uns begrüssen sie mit der Urkraft eines Ozeans. Während den ersten zwei Tagen fühlen wir uns wie in einer Waschmaschine aus Sturm und Schnee. Die Kapuzen tief in die Stirn gezogen, den Blick auf unsere Skispitzen gerichtet, gehen wir langsam voran.

Ein Glück, dass es inmitten dieses weissen Wirbels hie und da ein Pünktchen Geborgenheit gibt: etwa das Refuge de Nice. Zwei Tagen lang bietet es uns wie eine gutmütige Grossmutter Zuflucht, während draussen der Wind pfeift und jault und die Hütte langsam im Schnee versinkt.

In der warmen Stube bei Hüttenwart Christophe warten wir auf besseres Wetter. Sitzen am Ofen, dösen, plaudern und vergessen ob Christophes frisch gebackenem Heidelbeerkuchen selbst, dass wir hier festsitzen…

Doch dann, irgendwann, glitzern nachts so viele Sterne, als hätte jemand den Himmel mit leuchtendem Pulver bestäubt. Unsere Zeit ist gekommen und wir ziehen Tag für Tag weiter. Lassen das Refuge de Nice hinter uns, das Dörfchen Boréon, den Col de Salèse.

Manchmal schleichen wir schon morgens früh wie Diebe in der Dunkelheit davon, während die Lichter unserer Stirnlampen wie Glühwürmchen durch die Nacht tanzen. Dann tauchen wir ein in Lärchenwälder und ziehen über sonnige Flanken, während der Himmel so reglos und blau über uns liegt wie das Meer bei Flaute.

Nur auf den Pässen, zwischen den Zacken und Türmen der Gipfel, erinnern uns die Seealpen immer wieder daran, dass sie die Wilden im Süden sind: Hier zerrt der Wind an unseren Jacken, fegt uns Eiskristalle ins Gesicht und beim Abfellen flattern die Felle in den Händen wie eingefangene Vögel.

Doch das stört uns nicht: Wir ducken uns, schliessen rasch die Schnallen, schultern immer wieder die Rucksäcke, lassen die Bindungen zuschnappen und schwingen hinab – durch stiebenden Pulverschnee, durch lichte Wälder und langen Tälern entlang. Bis wir nach fünf Tagen am Ziel sind: im Dörfchen Sambuco im Valle Stura.

In kurzer Zeit sind wir zu einem verschworenen Trüppchen geworden. Haben Wind und Wetter getrotzt, die Landesgrenze von Frankreich nach Italien per Ski überquert und 60 Kilometer Neuland entdeckt. Dabei haben wir ein kleines Stück des grossen Traums verwirklicht: die Alpen aus eigener Kraft zu durchqueren.

Als wir in Sambuco in der Osteria della Pace sitzen, in einem Espresso rühren und uns auf die piemontesischen Gnocchi freuen, träumen wir denn auch schon ein wenig von den nächsten Etappen. Von den Gipfeln der Vanoise, den Eisströmen der Westalpen, dem fernen Grossvenediger… und ein klein wenig von der Ankunft in Wien.

Text und Bilder: Caroline Fink