No Content

bergpunkt Blog

DURCH DEN OZEAN AUS BERGEN

TransalpOst 2. Etappe

Föhnsturm und Ferner, Sonnenfinsternis und Sternenhimmel –­ die zweite Etappe im Osten bot ein Glanzlicht nach dem andern. Und führte ganz nebenbei noch vom Ötztal durch die Stubaier Alpen ins Gschnitztal.

Es ist Freitag Vormittag, als wir aus dem Schatten des Morgens auf eine sonnige Kuppe steigen. Eine Insel aus Gras inmitten des Schnees ist sie. Hier schnallen wir die Ski ab, setzen uns auf die Rucksäcke und blicken auf unsere Uhren: Es ist 10.35 Uhr. Wir sind genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort: In fünf Minuten wird die partielle Sonnenfinsternis über Europa ihren Höchststand erreichen!

Das Spektakel am Himmel lässt uns innehalten. Für einen Moment vergessen wir, dass wir für den Traum «Transalp» unterwegs sind. Für jenes Projekt also, das uns in mehreren Jahren von Nizza nach Wien führen wird. Inmitten der Stille der Alpen sehen wir nur noch die Sonne – oder das, was der Mond von ihr übrig lässt. Und wir erleben, wie das Licht sanft und die Luft eiskalt wie im Dezember wird. So kalt, dass wir in unseren Daunenjacken zu frieren beginnen und bald mit klammen Händen und fröstelnd weiterziehen.

Fünf Tage ist es her, seit wir mit dem Zug aus der Schweiz Richtung Osten geschaukelt sind. Vorbei an Bludenz, St. Anton und Landeck bis zur Haltestelle Ötztal, wo ein Taxifahrer unsere Ski und Rucksäcke in einen Minibus hievte. Ein bärtiger Bergler schien er zu sein, doch er war der Berge überdrüssig: Nach Ostern fahre er in den Süden, sagte er uns. Er sehne sich nach dem Meer. Wir hingegen freuen uns in diesem Moment auf die Berge: Auf der zweiten Etappe der TransalpOst wollen wir die Stubaier Alpen vom Ötztal bis ins Gschnitztal durchqueren.

Unterwegs zur Amberger Hütte fühlen wir uns ganz wie in der Schweiz: Andere Tourenfahrer kommen uns entgegen, Schlittler sausen vorbei und Wanderer spazieren dem Winterwanderweg entlang, während dahinter ein Berg als mächtige Pyramide in den Himmel ragt. Ganz wie daheim, eben. Wären da nicht die kleinen Unterschiede: So heisst der wuchtige Gipfel Schrankogel, das Bergbeizli ist eine Jausestation, wir bestellen in diesem Johannisschorle und Topfenstrudel und werden mit einem fröhlichen «Bhietdi!» verabschiedet.

Doch bald treffen wir erneut einen alten Bekannten: den Föhn! Abends schon pfeift er ums Dach der Amberger Hütte und tags darauf begleitet er uns Schritt auf Tritt. Während wir zum Kuhscheibenspitz unterwegs sind, lauert er uns hinter jeder Kuppe auf. Wirbelt uns in Böen entgegen und fegt uns Schnee ins Gesicht. Je höher wir steigen, desto wilder peitscht er um Gipfel und Grate. Im Skidepot zum Kuhscheibenspitz reisst er fast Felle und Ski mit sich fort, bevor wir mit hochgeschlagenen Kapuzen zum Gipfelkreuz kraxeln.

Dann, am dritten Tag ist es auf einmal windstill. Wie blank gefegt breitet sich der Himmel über uns aus, die Sonne hängt als gleissende Kugel im Blau. Als stünden wir im Zentrum einer Lupe brennt sie auf uns hinab, während wir von der Franz-Senn-Hütte aus auf das 3288 Meter hohe Wilde Hinterbergl steigen. Ein kleiner Gipfel mit grosser Aussicht, auf dem das Transalp-Gefühl wieder da ist: In alle Himmelsrichtungen blicken wir und sehen Zacken, Kuppen und Spitzen, deren Namen wir nicht kennen. Wie ein Ozean aus Bergen breiten sich die Alpen rund um uns aus. Ein Ozean, dessen Grösse wir vielleicht nur deshalb erahnen, weil die Namen der Berge hier dem Geist nicht mehr im Weg stehen.

Jeden Tag durchqueren wir ein winziges Stück dieses Gipfelmeeres. Werden zu acht Punkten in der Weite der Ostalpen. Ziehen an blau schimmernden Gletscherbrüchen vorbei, überqueren die weissen Kessel des Alpeiner Ferners oder Berglasferners und steigen über Pässe und Scharten ins nächste Tal. Wobei manche der Übergänge nichts als Durchschlüpfe zwischen Zacken und Türmen sind. Die Ski wie Hinkelsteine auf dem Rücken, stapfen wir dann ein Couloir hoch, um im schmalen Einschnitt die Magie eines jeden Passes zu erleben: den Blick in eine neue Welt. In einen Gletscherkessel oder ein Tal, in dem wir eine neue Hütte oder ein Dorf entdecken werden.

Dann, am Tag der Sonnenfinsternis, sind wir fast am Ende der Stubaier Haute Route angelangt. Als die Sonne wieder mit ihrer ganzen Kraft auf uns scheint, steigen wir hoch zur schlafenden Nürnberger Hütte. Oder besser: zu ihrem Winterraum. Einem Häuschen, in dem wir uns fühlen, als wären wir zu Acht ins Sechserabteil eines Nachtzuges geraten. Doch gegen Abend knistert der Ofen, die Spaghetti dampfen und wir plaudern und lachen, bis die Dunkelheit über die Gipfel zieht und über uns so viele Sterne glitzern, als hätte jemand Diamanten in den Nachtimmel gestreut.

Dass wir am nächsten Morgen mit kleinen Augen hinaus ins die Morgendämmerung treten, macht uns nichts aus. Denn dies wird der letzte Tag dieser Transalp-Etappe sein. Etwas müde werden wir die Ski noch einmal hinein in einen einsamen Gletscherkessel schleifen, die Nürnberger Scharte überqueren und danach talwärts kurven. Bis es auf einmal wieder nach Tannennadeln riechen und ein Bach zu Vogelgezwitscher plätschern wird. Hier, im Gschnitztal, werden wir unsere Bindungen vorerst ein letztes Mal aufschnappen lassen, um wenig später im Gasthof Feuerstein zu sitzen. Vor uns auf dem Tisch: den besten aller Kaiserschmarrn!

Text und Bilder: Caroline Fink