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bergpunkt Blog

DURCHS WILDE OKZITANIEN

TransalpSüd 3. Etappe

Die dritte Etappe im Süden der Transalp führte durch den nördlichen Teil der Cottischen Alpen. Ein weitgehend unbekanntes Gebiet, in dem wir einsamste Täler und Dörfer entdeckten sowie eine Aussicht, wie sie sonst nur Engel kennen.

Die Po-Ebene breitet sich flach wie ein Blech um uns aus. Im Taxi fahren wir in der Frühlingssonne an Kiwiplantagen und Pfirsichbäumen vorbei, dahinter: die Alpen. Was wir mit den Ski dort machen wollten, fragt uns die Taxifahrerin. «Etwa die Berge hochlaufen?» Sie schüttelt den Kopf und lacht. In die Berge fahre sie höchstens, um sich in einem Liegestuhl zu bräunen.

SEINE MAJESTÄT DER MONVISO
An diesem ersten Tag steigen wir durch Lärchenwälder und über offene Hänge bergwärts, gehen an alten Maiensässen vorbei und blicken immer wieder zu diesem Gipfel: dem Monviso. Als perfekte Pyramide ragt er hinter uns auf. Ein Matterhorn, ein Ama Dablam, der mit seinen 3841 Metern Höhe die Majestät der Cottischen Alpen ist.
Nur einmal an diesem Vormittag kehren wir diesem Gipfel den Rücken zu: als wir auf der Kuppe namens Briccas o Trucchet stehen und auf die Po-Ebene hinausblicken. Es ist, als sähen wir den gesamten Alpenbogen. Den Monte Rosa in der Ferne, den Grand Combin und die Tessiner Alpen, die Seealpen von Nizza und selbst den Appenin. So müssen Engel die Alpen sehen, denke ich mir.

IM ALPINEN «OCCITÀNIA»
So ziehen wir immer weiter. Steigen auf Gipfel, überqueren Pässe, passieren Berge, klein und wild, zackig und steil, und entdecken jeden Tag eine neue Welt. Mal das italienische Val Pellice mit seinen Städtchen, Plätzen und Cafés. Mal das Rifugio Willy Jarvis, dessen warme Stube wir nach einem langen Tag im Schein der Stirnlampen unter einem Sternenhimmel erreichen. Ein anderes Mal ziehen wir die Ski im Dorf Le Roux im französischen Queyras aus, wo wir den Nachmittag bei Kaffee und Mousse au Chocolat auf einem Canapé vor dem Schwedenofen verbringen. Es ist eine langsame Reise durch ein Grenzland, in dem sich Italien und Frankreich vermischen und das vor allem eines ist: ein Teil von Okzitanien. Jenem provenzalischen Kulturraum, der die Alpen mit Südfrankreich und den Pyrenäen verbindet.
Dann, irgendwann, entdecken nicht nur wir Täler und Dörfer, sondern werden wir zur Entdeckung selbst. Einheimische bitten uns im Val Germanasca um ein Gruppenfoto und ein Gemeindemitarbeiter telefoniert ins nächste Tal, um bei einem Kollegen nachzufragen, wie dicht die Erlenstauden auf seiner Seite wucherten. Denn Skitourengeher, so erklären uns alle, würden sie hier kaum je sehen. Und so beugen wir uns jeden Abend tiefer über die Karten, suchen Übergänge und Flanken, Forststrassen und Lichtungen, die einen Durchschlupf bieten könnten.

DAS GLÜCK DER TÜCHTIGEN
Doch manche der Pässe lassen uns im Ungewissen. So auch die namenlose Scharte zwischen dem Val Germanasca und dem Val Chisone. Ob wir offene Hänge finden? Lichten Wald? Oder nur Gestrüpp und steile Tobel? – Es scheint das Glück der Tüchtigen zu sein, als wir jenseits des Passes durch Pulverschnee schwingen, eine schlafende Alp hinter uns lassen und eine abgelegene Forststrasse erreichen. Um wenig später winzige Steindörfer zu entdecken, die seit Jahrhunderten auf Felsvorsprüngen sitzen, sich in Lärchenwäldern verbergen und an Grasflanken klammern. In denen hie und da ein Kamin raucht, Hühner Gackern oder ein Hund bellt. Wie Entdecker einer vergessenen Welt fühlen wir uns hier. Gerade so, als wären wir beim Pass durch eine Pforte in eine andere Zeit geschlüpft.
Fünf Tage lang sind wir so unterwegs. Fünf Tage, an denen wir einsam durch die Cottischen Alpen spuren, bis wir auf dem Passo d’Orsiera stehen, hoch über dem Val die Susa. Wie eine Kerbe liegt dieses mit seinen Städten und Strassen zwischen uns und den Gipfeln der Vanoise nördlich davon. In seinem Talboden wird unsere diesjährige Transalp-Etappe zu Ende sein. Doch bevor wir talwärts kurven, drehe ich mich noch einmal um und blicke auf das Gipfelmeer, das wir durchquert haben. Dann schultere ich den Rucksack, lasse die Bindungen der Tourenski zuschnappen und denke mir: Von wegen in den Alpen sei alles entdeckt.

Text: Caroline Fink